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Signale des Klimawandels

Schneeglöckchen schlägt Alarm

Von Carsten Fischer, 13.02.2018
Schneeglöckchen schlägt Alarm © Stefan Milk
So früh dran wie in diesem Jahr waren die Schneeglöckchen lange nicht. Hans-Joachim Haupt ist seit ü ...

Kamen. Seit mehr als 50 Jahren führen Naturbeobachter akribisch Buch über den Verlauf der Jahreszeiten in der Stadt. Hans-Joachim Haupt erfasst die Signale des Klimawandels: Frühlingsboten sind immer früher zu beobachten.

Der Rosenmontag begann zwar mit dichtem Schneetreiben, aber schon nach wenigen Stunden war die weiße Pracht geschmolzen. Kein Vergleich mit dem Extremwinter 1969/70, als wochenlang eine geschlossene Schneedecke lag.

Der Rekordwinter hatte die Stadt und das Land damals so hart und lange im Griff, dass die Schneeglöckchen in Kamen erst ungewöhnlich spät, am 21. März 1970, ihre Blüten öffneten. Hans-Joachim Haupt, 67, aus Kamen kann dieses Datum deshalb so genau nachvollziehen, weil die späte Blüte von Galanthus nivalis – so der botanische Name – in einem alten Tagebuch handschriftlich notiert ist.

Fünf Jahrzehnte Tagebuch
Der studierte Biologe besitzt nicht nur ein einzelnes Heft mit akribischen Aufzeichnungen über die Pflanzenzustände in Kamen im Jahresverlauf, sondern einen ganzen Stapel sowie mehrere Aktenordner mit langjährigen Beobachtungsreihen. Die Notizen decken reichen bis in die Fünfziger-Jahre zurück, als Haupts Vorgänger Ernst Wegmann und später Karl Seliger die ersten Einträge machten. Es ist ein Datenschatz, der im Auftrag des Deutschen Wetterdiensts (DWD) angelegt wurde und der nationalen Klimabeobachtung dient.

Keine Knospe verpassen
Vom Beifuß bis zum Winterweizen, von der Forsythie bis zum Winterraps erfassen derzeit rund 1150 Naturbeobachter in Deutschland die Daten von Wildpflanzen, Wald- und Ziergehölzen sowie landwirtschaftlichen Kulturpflanzen. Hans-Joachim Haupt ist für die „Station Kamen“ des phänologischen Diensts des DWD zuständig. Fast täglich unternimmt Haupt Spaziergänge im Grünen, um ja keine sprießende Knospe zu verpassen. Sämtliche Beobachtungen trägt er in ein Tagebuch ein. Im Jahresverlauf trägt er 200 Daten zusammen, die dann in einem Meldebogen zusammengefasst an den DWD gehen. Er notiert aber auch besondere Vorkommnisse wie: „Laubfroschkonzert am 25. März 1990“.

Nahe am Rekord von 1989
Das Schneeglöckchen ist 2018 früh dran. Schon am 30. Januar entdeckte der Biologe an der Beobachtungsstelle im Schulgarten des Gymnasiums die ersten Frühlingsboten. Das ist fast genauso früh wie in den Rekordjahren 1975 und 1989, als die Blüten jeweils am 28. Januar gesichtet wurden. -

„Die Kornellkirsche hat schon am 5. Februar aufgemacht“, erzählt Haupt. Der jetzt noch blätterlose Strauch lässt bereits die ersten Lebenszeichen erkennen. Ein Zeichen dafür, dass der Winter wieder sehr kurz wird? Darauf könnte auch hindeuten, dass der Haselbaum bereits am 27. Dezember mit dem Stäuben begann.

Demnächst erwartet Haupt eine wichtige Futterpflanze für Honigbienen. „Die Sal-Weide ist ganz spannend, denn sie ist ein Baum, der entweder nur weibliche oder nur männliche Blütenstände hat“, sagt er. Haupt interessiert sich nur für die Weidenkätzchen der männlichen Bäume, weil nur diese in den DWD-Meldebogen einzutragen sind.

Bauer Hilbols Felder
Die Pflanzenarten, die Haupt im Auge behalten muss, sind vorgegeben. Durch langjährige Erfahrung weiß er, wo er die Pflanzen findet, die ihm nicht gerade im Schulgarten des Gymnasiums, den er betreut, oder in seinem eigenen Garten vor die Füße wachsen. So ist er unter anderem an der Seseke unterwegs (ein guter Platz für Huflattich) und auf den Feldern von Bauer Heinz-Wilhelm Hilboll jenseits des Galgenbergs (für Getreide).

Gesunde Kirsche gesucht
Ende Juni/Anfang Juli kündigt sich der Sommer durch die Beifuß-Blüte an. Das Beobachtungsjahr endet, wenn im Herbst die Laubbäume ihre Blätter abwerfen und die Lärche ihre Nadeln. „Die Lärche ist um Allerheiligen dran“, weiß Haupt.

Kirsche ist krank
Leider muss Haupt manche Einträge im Meldebogen offen lassen. Sehr dankbar wäre er dafür, wenn ihn jemand beizeiten mit einer noch gesunden Sauerkirsche bekannt machen würde. Auch ältere Birnensorten sind schwer auffindbar, die nicht von Krankheiten geschwächt sind, damit sie für die Datensammlung taugen.

Artenvielfalt nimmt ab
Sorgen macht sich Haupt darüber, dass die Artenvielfalt in Kamen abzunehmen scheint. „Es werden oft Pflanzen gesetzt, die optisch gut aussehen, aber für Insekten nichts bringen“, meint er. Erschreckend sei auch, dass Vögel und Bienen auf dem Rückzug sind. Die Amsel habe sich offenbar „einen Virus gefangen“, sagt er. Haupt sammelt gesondert Daten über Vögel und Insekten und liefert sie an die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien.

Wann der Fuchsfalter fliegt und der Kuckuck ruft, weckt seine Aufmerksamkeit genauso wie das erste Schneeglöckchen des Jahres.

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