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Hellweger Anzeiger
Westfälische Rundschau

Sexuelle Vielfalt

LGBT ist ein Thema – und kein Problem

Von Christoph Schmidt, 02.02.2018
LGBT ist ein Thema – und kein Problem
Bei dieser Aufgabe müssen die Workshop-Teilnehmer das Erste sagen, was ihnen zu den Personen auf den ...

Kreis Unna. Mit einem verschmitzten Grinsen wedelt Wibke Korten von „gerne anders!“ mit vier dicken Umschlägen, die sie in ihrer linken Hand hält. Was sie als Nächstes sagt, ist eigentlich undenkbar, dass es über die Lippen einer Mitarbeiterin der NRW-Fachberatungsstelle sexuelle Vielfalt und Jugendarbeit kommt: „Ich möchte, dass wir jetzt alles vergessen, was wir jemals über Political Correctness und den Abbau von Vorurteilen gelernt haben.“ Rund 30 Augenpaare richten sich auf sie, viele davon befinden sich über verdutzt offenstehenden Mündern.

Diesen Moment der stillen Verwunderung nutzt die Diplompädagogin und erklärt, was sie vorhat, es geht um ein Vorurteilsspiel: „In den Umschlägen sind Fotos von Personen. Ich möchte, dass ihr (man duzt sich in der Jugendarbeit) nur aufgrund ihres Aussehens das Erste aussprecht, was euch in den Sinn kommt.“ Rasch schütteln die Mitarbeiter aus den Jugendzentren im Kreis Unna ihre Überraschung ab und finden sich in kleinen Gruppen zusammen. Die Aufgabe lautet, sich persönliche Daten für die Menschen auf den Fotos auszudenken. Es gilt, die Attribute: Name, Alter, Beruf, Hobby und Familienstand lediglich durch den ersten optischen Eindruck mit Inhalt zu füllen.

„Also, ich würde das so nie sagen, aber ...“, bricht ein Teilnehmer zaghaft das Schweigen, „... der sieht aus wie ein Salafist.“ Mit einiger Erleichterung stimmen die übrigen aus der Gruppe zu: „Das habe ich auch gedacht.“ Schnell entwickelt sich eine regelrechte Biografie zu dem Foto: Genauso schnell ist die Gruppe bei dem biertrinkenden Fußballfan, dem Yuppie-Studenten oder dem afrikanischen Fotomodell. Es wird klar, Vorurteile auf Basis von äußerlichen Stereotypen können sowohl in positiver als auch negativer Sicht zu einer Vorverurteilung führen.

Genau das war der Lernerfolg, den Wibke Korten mit dieser Übung erzielen wollte. Die Diplompädagogin weiß aus eigener Erfahrung, dass sich Vorurteile nicht grundlegend abstellen lassen und berichtet von einer New-York-Reise, genauer von einer Bustour nach Harlem: „Das ist mir erst im Nachhinein richtig klar geworden, aber bei mir hat sich dort allein aufgrund der Tatsache, als Weiße in der Minderheit gewesen zu sein, irgendwie unterbewusst ein Unsicherheitsgefühl eingestellt.“ Jedes mal, wenn sie die Geschichte erzähle – und bei den vielen Workshops, die sie leitet, ist das oft – komme sie sich erneut blöd dabei vor. Aber genau deswegen erzähle sie die Geschichte auch. Es gehe darum, die eigenen Vorurteile zu erkennen und dann etwas dagegen zu unternehmen.

„Die Übung“, erklärt Korten, „lasse ich gerne machen, damit deutlich wird, dass viele Vorurteile aufgrund von Äußerlichkeiten zustande kommen.“ Homosexualität oder die Geschlechterorientierung seien hingegen unsichtbar. Viel größer sei demnach die Gefahr, sein Gegenüber durch unbedachte Äußerungen zu verletzen. Dabei gehe es überhaupt nicht um diffamierende Worte, wie wenn unter Jugendlichen etwas abfällig als „schwul“ bezeichnet wird. Das habe oftmals gar nichts mit Homophobie zu tun oder sei in dem Moment, wenn Hausaufgaben als „schwul“ bezeichnet werden, herabwürdigend gegen Homosexuelle gerichtet. „Das trifft aber jemanden, der ohnehin schon unsicher ist und mit sich selbst vielleicht gerade nicht genau weiß wohin, ganz anders“, sagt Korten.

Unbeabsichtigte Äußerung

Das könne auch schon aus einer ganz banalen Situation entstehen. Die Trainerin überlegt kurz, dann hat sie ein Beispiel parat: „Ich komme mit dem voll beladenen Bulli am Jugendzentrum an und rufe kurz in den Raum: ,Ich brauche mal fünf starke Jungs, die beim Ausladen helfen.‘“ Wibke Korten verzieht den Mund, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen, und sagt: „Wenn man drüber nachdenkt, ist das vielleicht nicht ganz so glücklich.“ Um die Mitarbeiter der Jugendzentren für diese unnötigen Geschlechterklischees zu sensibilisieren, führt Korte diese Seminare durch. Es seien oft ganz unbewusste Formulierungen, die gar nicht negativ gemeint seien. Besonders auf junge Menschen, die sich gerade in einer Phase sexueller Unsicherheit oder Orientierung befinden, können sie aber sehr abschreckend wirken. Daran könne man arbeiten. „Wir wollen schließlich erreichen, dass alle Jugendlichen die erwachsenen Mitarbeiter in den Einrichtungen als Ansprechpartner wahrnehmen.“

Aus Erfahrung weiß Wibke Korten, dass es bisweilen sogar vorkommt, dass nicht heterosexuelle Jugendliche die Jugendzentren in den Städten und Gemeinden regelrecht meiden. „Das ist natürlich überhaupt nicht in unserem Sinne“, sagt auch Ede Friedrichs vom Fachbereich Familie und Jugend des Kreises Unna. „Wir müssen alles dafür tun, um allen jungen Menschen ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen und sicher sein können, dass hier Menschen sind, denen sie sich anvertrauen können, egal worum es geht“, so Friedrichs weiter.

Der Workshop hat auch ihn sehr beeindruckt und sei ein guter Schritt auf dem Weg, das Thema LGBT dorthin zu bringen, wo es hingehört: in die Normalität des Alltags.

Gesprächsbereitschaft signalisieren

Dass sich Mitarbeiter der offenen Kinder- und Jugendarbeit im Rahmen eines Workshops mit dem Thema LGBT befassen, hat gleich mehrere Gründe. „Es geht nicht darum, den Leuten hier zu erklären, dass die Wahl des Partners oder die Wahrnehmung des eigenen Geschlechts in vielen verschiedenen Ausprägungen möglich ist“, sagt Trainerin Wibke Korten. Es gehe vielmehr darum, den Jugendarbeitern Werkzeuge an die Hand zu geben, um es den Jugendlichen leichter zu machen, deswegen das Gespräch zu suchen. Ein solches Werkzeug kann schon ein Plakat oder ein Button mit dem „LGBT welcome“-Slogan sein. „Das kann Signal genug sein und zeigt Gesprächsbereitschaft“, sagt Korten und erzählt von einem konkreten Fall.

„Das war in einem Jugendzentrum, da hat eine Mitarbeiterin auf der Toilette eines unserer Plakate aufgehängt und keine fünf Minuten später stand jemand vor ihr und hat sich geoutet.“ Es können Kleinigkeiten sein, die ausreichen, um zu zeigen: „Hier bist du richtig.“ Je subtiler, desto besser. Man müsse auch kein großes Problem daraus machen und besondere Aktionen in den Jugendzentren planen. Es sei genug, zu zeigen, dass LGBT ein Thema ist. „Ein Button oder eben ein Plakat reichen da schon aus, damit der oder die Jugendliche sieht: ,Aha, da hat sich jemand mit einem Thema beschäftigt, dass mir auch zu schaffen macht.‘ Im besten Falle kommt es dann zu einem Gespräch und der junge Mensch hat jemanden gefunden, dem er sich anvertrauen kann.“

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