Ein Besuch bei Hornung am Alten Markt

Vom Überlebenskampf des Buchhandels in Unna

Von Volker Stephan, 16.04.2018
Vom Überlebenskampf des Buchhandels in Unna

Renate Hoops kommt gern in die Buchhandlung. Den persönlichen Kontakt mit Michael Sacher und seinen Kollegen kann das Internet nicht ersetzen. Foto: Drawe

„Was in zehn Jahren sein wird, kann niemand absehen“, sagt Michael Sacher von der Buchhandlung Hornung am Alten Markt. Die Mittelstadt mit rund 60.000 Einwohnern hat seit der Jahrtausendwende vier von fünf inhabergeführten Buchhandlungen eingebüßt. Neu hinzugekommen ist mit Weltbild eine Kette.

So weit gilt die Entwicklung in Unna als typisch. In Nordrhein-Westfalen schrumpfte die Anzahl der Buchläden 2016 im Vergleich zum Vorjahr um 23 auf 792. Neue Zahlen legt der Börsenverein als Branchenverband des Buchhandels im Sommer vor.

Sie verheißen nichts Gutes. Viele Händler geben auf oder finden beim Ruhestandseintritt keinen Nachfolger. Zu leicht wäre es allerdings, den Grund allein im allgegenwärtigen Onlinehändler Amazon zu suchen.

Denn Leser gehen nicht nur vermehrt online shoppen, sondern auch komplett verloren. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) ermittelte für den Zeitraum 2012 bis Mitte 2017 ein Minus von fast sieben Millionen Buchkäufern insgesamt. Nicht einmal jeder zweite Deutsche (45,6 Prozent) legt sich heute noch Bücher zu. Für die Verlegerin Ulrike Rodi vom Dortmunder Krimi-Verlag „Grafit“ ist dies der dramatische Aspekt des Buchhandels. „Wir stehen in ständiger Konkurrenz zu anderen Medien. Soziale Netzwerke und der Netflix-Boom graben die Zeit für das Lesen ab.“

Rodis Einschätzung deckt sich mit aktuellen Zahlen, nach denen 2017 nur noch 42 Prozent der Deutschen regelmäßig mindestens einmal pro Woche zum Buch griffen. 15 Jahre zuvor war es noch jeder Zweite. Dramatisch ist die Leseunlust bei den 14- bis 29-Jährigen, die täglich lieber viereinhalb Stunden im Internet oder mit Spielen an Computern und Konsolen verbringen. Auch die nächste Altersstufe (bis 59 Jahre) starrt mit dreieinhalb Stunden pro Tag länger als je zuvor auf Displays. Einen Zuwachs an Lesern gibt es nur bei den Jüngsten und Ältesten (über 70).

E-Book ist keine Chance

Die Hoffnung, dass die digitalen Generationen – einmal von der Leselust gepackt – den Bildschirm verlassen und zum Buchkauf in einen Innenstadt-Laden aufbrechen, ist zu romantisch. Wenn überhaupt mehr gelesen wird, dann digital: Allein der Absatz der günstigeren E-Books ist gestiegen, um eine auf 29 Millionen – sehr zum Gefallen des Online-Händlers Amazons, der Bücher nicht nur vertreibt, sondern längst auch als Verlag sowie Hersteller von E-Readern (Kindle) auftritt und Vorreiter für Flatrates bei (Hör-)Büchern ist.

„E-Books sind für uns Buchhändler kaum ein Geschäft“, sagt Michael Sacher. Die zu erbringende Leistung sei gering im Vergleich zu den teureren Printbüchern, die bestellt, ausgestellt und im Beratungsgespräch präsentiert würden. Und: Kunden finden ihre E-Books völlig unabhängig von Öffnungszeiten einer Buchhandlung oder Lieferbarkeit eines Titels binnen Sekunden per Klick. Die 6000 deutschen Buchhandlungen setzen folglich mit 4,4 Milliarden Euro nur noch 47,3 Prozent des gut neun Milliarden Euro schweren Buchgeschäfts um.

„Wir haben genug Arbeit für zwei zusätzliche Angestellte“, sagt Michael Sacher. „Aber nicht den entsprechenden Umsatz.“ Die Arbeitsplätze im Unnaer Buchhandel haben sich seit dem Jahr 2000 in etwa halbiert, heute gibt es noch rund zehn feste Jobs. Gegen diesen Trend verweist Anke Naefe vom Börsenverein NRW auf einen Lichtblick: Erstmals seit 2010 bildet die Branche wieder mehr aus. 197 Frauen und 39 Männer begannen 2017 in NRW eine Ausbildung zur/zum Buchhändler/in. Es ist ein Plus von 18 gegenüber 2016, aber immer noch deutlich weniger als die 424 Azubis aus dem Jahr 2010.

Wo aber finden diese Menschen ihren Arbeitsplatz, wenn Buchhandlungen weiter schließen, schrumpfen und der Onlinehändler Amazon – wie zu erwarten ist – keine Einstellungsoffensive für Buchhändler startet? Ohnehin wartet Deutschland weiter auf den ersten stationären Laden „Amazon books“, den es seit 2015 in Seattle und einem Dutzend weiterer Städte in den USA gibt. Die Buchhandlung Hornung kämpft derweil trotz einer privilegierten Lage, von der viele Buchhandlungen an anderen Orten nur träumen können, um Marktanteile.

Top-Lagen oft zu teuer

Die Filialisierung der Innenstädte mit explodierenden Mietpreisen, an denen Amazon keine Schuld trägt, haben viele Buchhändler längst in Randlagen gedrängt. Für Pressereferentin Anke Naefe vom Börsenverein NRW verschärft sich dadurch ein Generationenproblem: „Viele Inhaber kommen jetzt ins Rentenalter, finden aber nur schwer Nachfolger für ihre Buchhandlungen.“ Nicht selten schließen diese Buchhandlungen für immer oder werden als neue Filiale von den großen Ketten Thalia und Hugendubel oder Regionalketten wie Mayersche (NRW) übernommen.

Der Börsenverein versucht auf vielfältige Weise, den Negativtrend der Branche zu stoppen. Hilft Händlern bei der Nachfolgesuche, unterstützt Neu-Inhaber bei der Übernahme mit Fortbildungen, fördert Programme für den Nachwuchs („Lesetüte“, Vorlesewettbewerbe) oder ist Partner des Deutschen Buchhandlungspreises der Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Der Preis sucht die Helden/-innen unter den Händlern, ist vergleichbar mit der Auszeichnung für Programmkinos und schüttet seit 2015 insgesamt eine Million Euro an engagierte Ladenbetreiber aus.

Vom Überlebenskampf des Buchhandels in Unna

Besonderheit im Bücherzentrum: Es gibt dort auch antiquarische Bücher, antike Möbel und Kunstwerke. Foto: Drawe

Bundesweit haben so Jahr für Jahr über 100 Buchhandlungen die Chance auf eine Förderung von mindestens 7000 Euro. Für Buchhändler Michael Sacher ist dies auch eine Würdigung der Buchläden als „Orte kultureller Begegnung“, deren Interesse über den Verkauf von Büchern hinaus reiche. Mit Lesungen von Autoren, öffentlichen Buchvorstellungen, Mitarbeit bei Festivals, Kooperationen mit Schulen und anderen Events versuche sein Haus, diesen Anspruch mit Leben zu füllen. Den Anteil der Non-Book-Artikel (Postkarten, Plüschfiguren, Spiele…) auf über 15 bis 20 Prozent des Sortiments auszuweiten, komme für ihn ebenso wenig in Frage wie die sehr aufwendige Umwandlung Hornungs in ein Buchcafé.