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60 Meter hohe Kirchturmspitze ist Herausforderung

Spektakuläre „Luftrettung“ des Holzwickeder Wetterhahns

Von Anke Jacobi, 13.06.2018
Spektakuläre „Luftrettung“ des Holzwickeder Wetterhahns © Marcel Drawe
Geschafft: Die Kirchturmspitze ist erreicht. Der Hahn lässt sich leicht von seinem luftigen Sitz in ...

Holzwickede. Um Punkt 13.03 Uhr schiebt Dennis Montes von der beauftragten Firma den Bedienhebel im Steigerkorb nach vorn. Schwankend erhebt sich der Korb mit Schmied Leo Pira an Bord. Die Spannung steigt. Wird die Reichweite des Steigers diesmal ausreichen, um den beschädigten Wetterhahn vom Holzwickeder Kirchturm zu bergen? Beim letzten Mal fehlten zwei Meter. Diesmal klappt‘s.

Im Januar hatte das Sturmtief den Wetterhahn kräftig gebeutelt und ihm den Schweif abgeknickt. Was Kirchbaumeister Fritz Bernhardt am Boden zum Scherzen animiert: „Der Hahn hatte vor zu fliegen, aber er hat ja keine Flügel. Da dachte er sich, ich leg‘ einfach mal den Schweif zur Seite, dann habe ich wenigstens einen.“ Der Scherz vertreibt die Spannung, die sich breit macht, als er gemeinsam mit Meike Wigger gebannt den Aufstieg des Korbes verfolgt. Die Architektin des Kirchenkreises Unna hat den ganzen Steigereinsatz geplant und ist ebenfalls aufgeregt, ob der Steiger diesmal wirklich bis zur Kirchturmspitze vordringt. Und wenn ja, wie der Wetterhahn dort befestigt ist. „Aufzeichnungen über den Hahn existieren nicht“, sagt Meike Wigger.
Spektakuläre „Luftrettung“ des Holzwickeder Wetterhahns© Jacobi
Kunstschmied Leo Pira „rettete“ den Wetterhahn vom Holzwickeder Kirchturm. Foto: Jacobi

Deshalb hat der Königsborner Kunstschmied vorsorglich seine Werkzeugkiste mit in den Steigerkorb genommen. Allerdings hofft er inständig, in so luftiger Höhe nicht noch groß rumbasteln zu müssen. „Nach oben gucken, geht“, stellt Pira fest, als der Steigkorb 23 Meter Höhe erreicht. Die Knie werden bereits wackelig, dabei ist noch nicht einmal die Hälfte geschafft. „Wir können froh sein, dass es nicht so windig ist“, beruhigt Dennis Montes. Der Steigerführer selbst kommt aus Essen und hat das Fahrzeug der bundesweit agierenden Firma Mateco nach Holzwickede gebracht. Für ihn ist die Höhe Routine. Für Leo Pira nicht. „Einmal erst war ich auf 45 Metern Höhe. Das war auf einem Bungeeturm“, berichtet er, während der Steigerkorb schwankend Meter für Meter erklettert. Gesprungen sei er damals aber nicht. „Das war auf einem Festival. Ich hatte schon etwas getrunken und durfte nicht“, schmunzelt der Schmied.

Unaufgeregt steuert derweil Montes den Korb direkt neben die Kirchturmspitze, als sieben Minuten nach dem „Abheben“ die volle Höhe erreicht ist. „56,5 Meter“, sagt Montes. Das kann eigentlich nicht stimmen. Zeigte doch der Höhenmesser beim letzten Mal 58 Meter an, obwohl die Kirchturmspitze noch etwa zwei Meter entfernt war. „Vielleicht liegt es an der Schräge oder an der Ungenauigkeit der Höhenmesser“, mutmaßt der Steigerführer. Klären lässt sich das an diesem Tag nicht. Dann wird es noch einmal spannend. Leo Pira rüttelt am Wetterhahn, dreht ihn auf seiner Stange hin und her. Ein kurzer Ruck. Punkt 13.11 Uhr löst sich der Wetterhahn von der Stange. Jubelnd hält ihn Leo Pira in die Höhe. Ihm purzelt dabei sichtlich nicht nur der buchstäbliche Stein, sondern schier eine ganze Geröllhalde vom Herzen. Der Hahn war nur aufgesteckt. Das Hantieren mit Werkzeug bleibt dem Kunstschmied erspart.

Ein Spaziergang ist dann die Fahrt nach unten, wo sich inzwischen Pfarrer Michael Niggebaum und Neugierige angefunden haben, um die spektakuläre Aktion zu beobachten. Niggebaum ist auch neugierig: Niemand weiß, wann der Wetterhahn erbaut wurde, wie groß oder schwer er ist und aus welchem Material er geschmiedet ist.

Fachmännisch begutachtet Schmied Leo Pira den am Boden liegenden Hahn, der nach seiner Rettung ganz unspektakulär aussieht. 80 Zentimeter hoch, ein Meter breit, etwas mehr als zwei Millimeter dick. Das Material: vergoldetes Kupfer. Und noch etwas entdecken die umstehenden Neugierigen. Ein dickes Schild auf dem Hahn zeigt, dass dieser schon einmal zur Reparatur war. „1990, Wolfram Brömmelkamp, Olfen“, ist auf der angenieteten Platte zu lesen.

Spektakuläre „Luftrettung“ des Holzwickeder Wetterhahns © Marcel Drawe
Kirchbaumeister Fritz Bernhardt und Pfarrer Michael Niggebaum mit dem vergoldeten Wetterhahn. Foto: ...
„In den 90er Jahren hatte die Kirche kein Geld. Das weiß ich noch“, sagt Pfarrer Michael Niggebaum und deutet auf Kopf und Schweif des Kupfertiers. Dort ist die Vergoldung einem gelben Anstrich gewichen. Ob das Geld diesmal für eine neue Vollvergoldung reicht? Leo Pira verspricht, Angebote zu machen, was die Reparatur mit und ohne Vergoldung kostet. „Bestimmt spielt auch eine Rolle, was davon die Versicherung zahlt“, mutmaßt er. Vier bis sechs Wochen, schätzt Pira, wird es wohl dauern, bis der Hahn wieder in die Höhe steigen und seinen angestammten Platz auf der Kirchturmspitze einnehmen kann. „Jetzt kommt er erst einmal auf den Seziertisch.“ Es ist 13.40 Uhr, als er das Symboltier in seinen Bulli packt und die Rückfahrt in die Schmiede antritt.

Wenn der Hahn kräht

Pfarrer Michael Niggebaum wäre kein waschechter Seelsorger, wenn er die spektakuläre Luftrettung des Wetterhahns nicht sofort mit einer Bibelgeschichte verknüpfen würde. „Die Christen haben einen Hahn auf dem Kirchturm als Zeichen dafür, dass wir Menschen doch alle ganz schöne Lügner sind“, sagt er. Denn der Hahn steht als Symbol dafür, dass Petrus Jesus verleugnet hat. Petrus wollte damit seinen eigenen Kopf aus der Schlinge ziehen. Jesus hatte ihm das „auf den Kopf“ zugesagt. Der genaue Wortlaut ist unterschiedlich überliefert. Nach dem Bericht des Matthäus und ähnlich auch der beiden Evangelisten Lukas und Johannes sagte Jesus zu Petrus: „Amen, ich sage dir: In dieser Nacht, noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“

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