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SPD-Podiumsdiskussion mit Karl Lauterbach

Bessere Bezahlung und weniger Bürokratie in der Pflege

Von Kevin Kohues, 04.05.2018
Bessere Bezahlung und weniger Bürokratie in der Pflege © Kohues
Ein Markenzeichen von Karl Lauterbach ist die Fliege, die er stets der Krawatte vorzieht. Ein weiter ...

Schwerte. Es ist eine der größten Herausforderungen dieser Zeit: Wie schafft es das Land, immer mehr pflegebedürftige Menschen tatsächlich menschenwürdig zu pflegen? Und, eng damit verknüpft: Wie gelingt es, einen kräfte- und nervenzehrenden Beruf attraktiver zu machen? Prof. Dr. Karl Lauterbach hat dazu eine Menge zu sagen, und er tut es am Donnerstagabend auf Einladung des heimischen SPD-Bundestagsabgeordneten Oliver Kaczmarek in der Schwerter Rohrmeisterei.

Ein Podium zur „Pflegepolitik der Zukunft“ nutzt Lauterbach zunächst, um den durchaus zahlreichen Zuhörern alarmierende Zahlen zu vermitteln. Drei Millionen Pflegebedürftige gebe es heute, 70 Prozent würden zuhause betreut, 30 Prozent in Heimen. In den nächsten zehn Jahren komme noch einmal eine Million Pflegebedürftiger dazu.

Ebenfalls eine Million Menschen arbeite aktuell in der Pflege, schon jetzt 100.000 zu wenig laut Lauterbach. 250.000 mehr brauche es zudem, um der Zunahme der Pflegebedürftigen in der nächsten Dekade zu begegnen. Aber schon jetzt könnten 37.000 Stellen nicht besetzt werden – Fachkräftemangel in Reinkultur.

Seit 2015 klaffe die Lücke zwischen ausscheidenden Pflegekräften und Bewerbern immer weiter auseinander. Lauterbach nennt Gründe: Für einen Beruf mit einer solch hohen körperlichen und psychischen Belastung sei ein Durchschnittslohn von 2800 Euro brutto nicht attraktiv. Zudem seien die Arbeitsbedingungen schlecht, der Dokumentationsaufwand sei viel zu hoch. Von den Problemen zur Lösung ist der Weg für den studierten Mediziner und Gesundheitsökonomen nicht weit. „Wenn sich mehr junge Leute für die Pflege interessieren sollen, muss massiv die Bürokratie abgebaut werden und eine deutlich bessere Bezahlung her“, sagt er. Das sei es zwar nicht allein, aber ohne diese beiden Dinge „kriegen wir gar nichts hin“.

Verbindliche Tariflöhne
Lauterbach spricht sich für Mindeststandards beim Personal aus, eine Allgemeinverbindlichkeit von Tariflöhnen und eine gleiche Bezahlung von Kräften in der Alten- und Krankenpflege. Die Menschen, die in der Pflege tätig sind, hätten freilich nichts dagegen. Sie geben Beispiele aus der Praxis, die den Handlungsbedarf unterstreichen. Silke Löwner leitet den ambulanten Pflegedienst des Fröndenberger Schmallenbachhauses und beschreibt, dass bei 25 Minuten Zeitvorgabe für eine Ganzkörperpflege kaum noch Zeit für die Angehörigen bleibe.

Bessere Bezahlung und weniger Bürokratie in der Pflege © Kohues
Diskussion über die „Pflegepolitik der Zukunft (v.l.): Prof. Dr. Karl Lauterbach, Oliver Kaczmarek, ...
Zu viel Dokumentation
Im stationären Bereich beobachten sie und ihre Kollegin Petra Simons-Fleck als Leiterin der Tagespflege „große Ängste durch Prüfinstanzen“. Es werde mehr Wert auf eine korrekte Dokumentation als auf die Körperwäsche gelegt. „Pflegende sind am Limit und kaum noch in der Lage, die Arbeit einigermaßen vernünftig zu gestalten“, ergänzt Gewerkschaftsvertreter Björn Paul Lucht (Verdi).

Die Politik gebe die Dokumentation nicht vor, entgegnet Karl Lauterbach, sondern die Krankenkassen und Medizinischen Dienste verhandelten sie mit den Pflegeeinrichtungen. „Aber Politik hat Möglichkeiten“, so der SPD-Politiker weiter. Als Minister würde er die Dokumentation auf das Nötigste beschränken. Den Minister stellt aber bekanntlich die CDU, zuletzt in Hermann Gröhe, nun in Jens Spahn. Und von dem versucht Lauterbach sich mehrfach abzusetzen. Jeder wisse, dass die im Koalitionsvertrag vereinbarten 8000 zusätzlichen Pflegestellen ein Tropfen auf den heißen Stein seien. Spahn sage jetzt, dass jede der 13.000 Einrichtungen einen Pfleger zusätzlich kriege, „damit es nach mehr klingt“. Das wahre Problem seien aber nicht fehlende Stellen, sondern fehlende Leute.

Und die sollten nicht aus Polen oder Rumänien kommen, kontert Lauterbach einen Spahn-Vorschlag. Die Forderung sei unethisch, denn dahinter stecke der Plan, die Löhne niedrig zu halten. Außerdem gebe es in anderen Ländern auch zu wenige Pflegekräfte.

Mehr einheimische junge Menschen für die Pflege zu gewinnen, sei der bessere Weg. Dafür sollten aber die Praxis-Anleiter in den Einrichtungen auch im Stellenplan einberechnet werden, fordert Silke Löwner. Es könne nicht sein, dass die jungen Leute nach drei Wochen Schule und einem Erste-Hilfe-Kurs gleich zu hören bekämen: „Waschen habt ihr ja gelernt, dann wasch mal die Frau Meier, und morgen die nächsten drei, und übermorgen fünf.“

Dass in einigen Bundesländern noch für die Ausbildung bezahlt werden müsse anstatt eine Vergütung zu erhalten, sei ebenfalls dringend reformbedürftig, sind sich Politiker, Pflegekräfte und Publikum einig.

Zehntausende Fachkräfte fehlen

Seit Jahren ist in Deutschland vom „Pflegenotstand“ und einem gravierenden Fachkräftemangel die Rede. Die 8000 zusätzlichen Stellen in der Altenpflege, die CDU/CSU und SPD in den aktuellen Koalitionsvertrag geschrieben haben, gelten nicht nur unter Fachleuten als „Tropfen auf den heißen Stein“. Oppositionspolitiker fordern 40.000 bis 50.000 neue Stellen. Doch auch die müssten erst einmal besetzt werden: Im vergangenen Jahr fehlten nach Angaben der Bundesregierung in der Altenpflege 14.785 Fachkräfte und 8443 Helfer. In der Krankenpflege sieht es nicht viel besser aus: 10.814 Fach- und 1413 Hilfskräfte fehlten.

Auch Gesundheitsminister Jens Spahn hat unlängst angekündigt, mehr als die 8000 zusätzlichen Altenpflege-Stellen schaffen zu wollen. Darüber hinaus brauche es eine bessere Bezahlung und eine Reduzierung der Arbeitsbelastung. Mit Spannung wird sein für diesen Monat angekündigter Entwurf eines Pflege-Sofortprogramms erwartet.

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