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Ein Tag mit Arzthelferin Alexandra B.

Serie Alltagshelden: Erste Hilfe in der Ambulanz

Von Claudia Pott, 04.06.2018
Serie Alltagshelden: Erste Hilfe in der Ambulanz © Stefan Milk
Arzthelferin Alexandra B. arbeitet im Hellmig-Krankenhaus Kamen. Foto: Milk

Kreis Unna. Bevor ihr Arbeitstag in der Ambulanz des Hellmig-Krankenhauses in Kamen richtig beginnt, muss Alexandra B. (die ihren vollen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte) sich erst einmal umziehen. Sie zieht sich eine weiße Hose an, ein blaues T-Shirt, bindet sich die Haare zu einem Zopf zusammen und legt ihren Schmuck ab. Dann geht es zur Übergabe der Patienten.

Entweder geht sie mit den Kolleginnen aus der vorigen Schicht durch die Zimmer oder bekommt mithilfe von Patientenkarten genau berichtet, um wen sie sich in den nächsten Stunden kümmern wird. Diese Routine vor einer jeden Schicht ist der Teil ihres Arbeitstages, der jedes Mal ähnlich verläuft. Das genaue Gegenteil von Routine ist hingegen all das, was danach kommt. Mit dem Betreten der Ambulanz weiß Alexandra B. nie, was der Tag oder die Nacht für sie bereithält. Sie weiß nicht, ob sie die Polizei rufen muss, weil ein Patient sie bedroht, ob sie eine alte Dame mit Bauchschmerzen behandeln muss – oder, ob sie gar einem kleinen Kind das Leben retten wird.

„Der Junge war vielleicht eineinhalb Jahre alt und seine Lippen waren schon ganz blau“, erinnert sich die Arzthelferin an einen Fall, der sie sehr berührt und sie gedanklich auch noch nach der Arbeit beschäftigt hat. Eigentlich versuche sie, ihr Privatleben streng von der Arbeit zu trennen, doch das sei vor allem bei Kindern schwer. „Auf einmal stand da dieser Opa in der Aufnahme, mit dem bewusstlosen Kind auf dem Arm. Ich musste sofort reanimieren“, erzählt sie. Bevor ein Arzt den Patienten, der eine Steintreppe heruntergefallen war, an diesem Tag übernahm, leistete die Arzthelferin Erste Hilfe – und rettete ihm womöglich das Leben. Das Kind war nicht mehr ansprechbar und atmete nicht mehr. „Manche Fälle liegen einem am Herzen. Da fragt man hinterher noch einmal nach, wie es dem Patienten geht“, sagt die 29-Jährige. Das Kind, das in eine Klinik mit Kinderärzten gebracht wurde, habe den Unfall zum Glück überlebt.

Farben für Dringlichkeit
Die medizinische Fachangestellte, die bereits seit zehn Jahren am Hellmig-Krankenhaus arbeitet und dort auch ihre Ausbildung gemacht hat, ist die erste Person, die ein Patient zu Gesicht bekommt – egal, was er hat und wie schlimm seine Verletzungen auch sein mögen.

Die Arzthelferinnen und Krankenschwestern in der Ambulanz entscheiden, wie schnell der Patient behandelt werden muss. Mithilfe von Diagrammen und ersten Untersuchungen ordnet Alexandra dem Patienten eine Farbe zu. Bei blau kann er bis zu 180 Minuten auf den Arzt warten, bei orange oder rot braucht der Patient den Arzt deutlich schneller beziehungsweise sofort. Doch nicht immer ist genug Zeit, um in Ruhe Blut abzunehmen und ein EKG zu machen. „Manchmal kommen auch fünf Krankenwagen auf einmal“, sagt Alexandra B. Auch in solchen Situationen muss sie es schaffen, einen kühlen Kopf zu bewahren. Die Verantwortung, die auf ihren Schultern lastet, ist nicht gerade gering. „Jeder Patient ist eine neue Herausforderung“, sagt Alexandra B.

Serie Alltagshelden: Erste Hilfe in der Ambulanz © Stefan Milk
Alexandra B. ist medizinische Fachangestellte im Hellmig-Krankenhaus in Kamen. Wenn dort Notfälle an ...
Die ganze Geruchspalette
Und der Umgang mit den Patienten ist nicht immer leicht. „Wir haben es nicht selten mit aggressiven Personen zu tun“, erzählt sie. Oft sei dann Alkohol im Spiel und es komme auch vor, dass sie die Polizei rufen müsse. „Eine Kollegin musste sogar schon einmal vor Gericht gehen. Der Patient war alkoholisiert und hat sie angegriffen. Er ist von jetzt auf gleich ausgerastet. Wir wurden getreten und geschlagen“, erzählt sie von einer besonders schlimmen Situation. Manchmal müssten Polizisten bei der Behandlung dabei bleiben.

Eine andere, buchstäblich unangenehme Seite ihres Berufs sind die vielen Gerüche. Da sind die Patienten, die Alkohol ausdünsten, aber auch alte Menschen, die gestürzt waren und in ihrer Wohnung verwahrlosten, Diabetiker mit offenen Beinen oder Patienten, die wochenlang nicht geduscht haben. „Ich bin abgehärtet, aber manchmal muss ich mir doch Pfefferminzöl in den Mundschutz tun“, gibt Alexandra B. zu.

Zu guter Letzt ist sie auch noch so eine Art Kummerkastentante. Denn sie ist es, die Patienten erklären muss, dass sie noch Geduld haben müssen, die trösten muss, wo Tränen fließen und die beruhigende Worte findet, wenn das Blut in Wallung gerät.

Ausgleich Fitnessstudio
All das sind Dinge, die nicht zur medizinischen Ausbildung gehören und die sie doch tagtäglich neben der Versorgung von Patienten bewältigen muss.

Und wenn mal kein Patient betreut werden muss, dann bereitet sie die Zimmer vor, desinfiziert Arbeitsflächen und Tragen oder füllt das Lager auf.

Kein Wunder also, dass Alexandra B. nach einem langen Arbeitstag einen Ausgleich braucht, um abschalten zu können. Sie gehe jeden Tag ins Fitnessstudio: „Nur so bekomme ich den Kopf frei.“

Alltagshelden – ohne sie geht es nicht

In unserer Serie „Alltagshelden“ stellen wir in loser Folge Berufe vor, über die nicht viel gesprochen wird: Berufe, über die man nicht viel weiß, die manche vielleicht gar nicht kennen oder auch Berufe, die einfach unterschätzt werden.

Die Menschen in diesen Berufen leisten für die Gesellschaft unverzichtbare Arbeiten. Alexandra B., medizinische Fachangestellte in der Ambulanz im Hellmig-Krankenhaus in Kamen, ist so eine Alltagsheldin.

Bevor ein Patient vom Arzt untersucht wird, ist sie da und leistet wichtige Vorarbeit. Die Arzthelferin entscheidet, wie akut der Fall ist, behandelt erste Wunden und steht den Patienten darüber hinaus auch seelisch zur Seite.

„Man wächst in den Beruf hinein“

„Ich lasse mich nicht verhauen oder bespucken“, sagt Alexandra B. aus Werne. In der Ambulanz des Kamener Hellmig-Krankenhauses geht es manchmal auch hart zu. Nicht nur mit aggressiven Patienten muss die 29-Jährige fertig werden, sondern auch mit dramatischen Fällen, die sie berühren. Auf die Frage, wie man das schaffen kann, sagt Alexandra B., dass sie in den Beruf hineingewachsen sei. Sie sei aber schon immer eine starke Persönlichkeit gewesen und habe den Spaß an ihrer Arbeit, ohne den es einfach nicht geht.

Das Patientenwohl stehe immer an erster Stelle. „Ich frage mich bei jedem Patienten vorher , wie ich selbst gerne behandelt werden möchte“, sagt sie.

Außerdem versuche sie, Abstand von den Dingen zu nehmen, die sie in der Ambulanz erlebt hat. „Sobald ich raus bin, sage ich mir: ‚So, jetzt das Privatleben‘“, erklärt die Arzthelferin. Und das funktioniere immer besser.

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