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Prozessauftakt nach Totschlag in Unna

Ein bizarrer Todeskampf hinter einer bürgerlichen Fassade

Von Martin von Braunschweig, 10.04.2018
Ein bizarrer Todeskampf hinter einer bürgerlichen Fassade
Am Landgericht in Dortmund begann am Dienstag der Prozess um einen Totschlag an der Morgenstraße in ...

Dortmund/Unna. Es muss ein verstörender Tod gewesen sein, der sich in einer Wohnung an der Morgenstraße in Unna ereignet hat. Mit einem Kabelbinder um den Hals gezogen fand die Polizei eine 48-jährige Unnaerin bekleidet in ihrer Badewanne. Ihr Lebensgefährte hatte sie dort abgeladen und noch anderthalb Tage bei ihr gewohnt. Nun steht er vor Gericht.

Uwe H. spricht schnell. Er rast förmlich durch das Geschehen der vergangenen Monate. Im Juni 2017 soll der 48-Jährige seine Lebensgefährtin Dagmar J. in deren Wohnung an der Morgenstraße erdrosselt und sich dann nach Costa Rica abgesetzt haben. Der Prozess am Dortmunder Schwurgericht begann am Dienstag mit einem Geständnis.

„Wir haben uns gestritten. Irgendwann bin ich ihr an den Hals gegangen“, erinnert sich der Angeklagte. Die meisten weiteren Details dieses Juni-Abends sind angeblich in einem Dunst aus Alkohol und Marihuana verschwunden. „Ich hab’ gemerkt, dass sie tot war“, erklärte der Angeklagte den Richtern weiter. Doch statt Trauer und Bestürzung war da offenbar zunächst einmal ein drängenderes Gefühl in ihm. „Ich hatte Durst und das Bier war alle. Also musste ich noch mal zum Kiosk.“

Eine Liebesgeschichte, die am Kiosk begann

Uwe H. und Dagmar J. hatten sich ein gutes Jahr vor der Tat kennengelernt – an einem Kiosk, der später zu ihrem Haupt-Bierlieferanten werden sollte. „Mir fehlten fünf Cent, da hat sie mir ausgeholfen“, erinnert sich der 48-Jährige vor Gericht. Schließlich habe er gleich die ganze Nacht bei Dagmar J. verbracht.

Die 49-Jährige arbeitete im Job-Center, war bei ihren Kollegen hoch angesehen und als freundlich und höflich bekannt. „Sie war immer hilfsbereit“, sagte ein 62-jähriger Sachbearbeiter den Richtern. Dass sich die Frau offenbar an nahezu jedem Wochenende mit oder ohne Uwe H. schlimm betrank, ahnte im Büro niemand. „Den Montag hat sie sich meistens freigenommen. Den Tag haben wir dann genutzt, um wieder nüchtern zu werden“, so der Angeklagte.

Ein bizarrer Todeskampf hinter einer bürgerlichen Fassade
Ein schönes Haus in guter Lage am Rande der Fußgängerzone: Hier lebte das Opfer in einer Welt, die s ...
Wenn beide betrunken waren, kam es nach Angaben des 48-Jährigen immer wieder zu Streit und Handgreiflichkeiten. Meistens habe er dabei noch den Absprung geschafft und sei in seine eigene Wohnung abgehauen. An jenem Abend im Juni 2017 klappte dies nicht mehr.

Der Kabelbinder sollte die Tote ruhigstellen

Angeblich um nach seiner Rückkehr vom Kiosk keine bösen Überraschungen zu erleben, will der Angeklagte seiner bereits toten Partnerin noch einen Kabelbinder um den Hals geschlungen haben. „Ich dachte mir, wenn sie doch wieder wach wird, macht sie mir garantiert eine Riesenszene“, so der 48-Jährige am Dienstag. Doch er kam zurück und fand die Leiche unverändert vor. Er trank weiter. Die ganze Nacht.

Zwei Tage später setzte der Angeklagte dann offenbar vom Handy des Opfers eine SMS an deren Arbeitskollegin ab, um sich Zeit zu verschaffen. Dann ging er ins Reisebüro und buchte Hin- und Rückflug nach Costa Rica. Er flog sogar Business-Class. Die Mehrkosten hätten gerade mal 250 Euro betragen, sagte der 48-Jährige. Richter Peter Windgätter: „Und dann gönnt man sich halt noch mal was…“

In Costa Rica merkte Uwe H. aber angeblich schnell, dass er es nicht lange aushalten würde. Er reiste nach Panama und verfolgte eine Zeremonie am Kanal. „30 Meter entfernt von mir saß der Staatspräsident.“ Dummerweise sei ihm dort aber sein Pass abhandengekommen. Daher sei er wieder zurück nach Costa Rica gefahren und habe sich bei der Botschaft gestellt, lüftete er nun das Geheimnis seiner Festnahme. Auch seinen Rechtsanwalt Torsten Reimer informierte er schon von dort aus.

Es dauerte bis zum Spätsommer, ehe der Verdächtige nach Deutschland ausgeliefert wurde. Hier erwartet er nun eine mehrjährige Haftstrafe. Die Staatsanwaltschaft hat ihn wegen Totschlags angeklagt. Bereits am Mittwoch wird der Prozess am Landgericht fortgeführt.

Festnahme via Interpol in Costa Rica

Nach dem Leichenfund an der Morgenstraße hatte die Polizei schnell einen Verdächtigen, aber keine Kenntnis von seinem Aufenthaltsort. Sie griff zu selten angewandten Mitteln: Ein öffentlicher Aufruf mit Foto und Namen des Gesuchten bat die Bevölkerung um Hinweise. Doch der Gesuchte blieb verschwunden. Die Polizei weitete ihre Ermittlungen aus, wandte sich an Interpol. Letztlich endete die Flucht von Uwe H. aber durch Aufgabe: Er stellte sich in Costa Rica. Einen Anhaltspunkt dafür, dass das Land in Zentralamerika Ziel einer etwaigen Flucht ins Ausland sein konnte, ergibt sich aus der Vita des Gesuchten: Seine Ex-Frau stammt aus dem Land.

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