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Ältere Bürger stolpern über die Stromkabel

Der Wochenmarkt in Unna ist für Rollatoren kaum passierbar

Von Anna Gemünd, 08.06.2018
Der Wochenmarkt in Unna ist für Rollatoren kaum passierbar
Mit einem Rollator sind die Stromkabel zwischen den Marktständen schwer zu überqueren. Foto: Gemünd

Unna. Der Wochenmarkt in Unna ist für viele Menschen, die auf einen Rollator angewiesen sind, anstrengend. Die dicken Stromkabel erschweren ihnen den Weg.

Erst links, dann rechts: Mühsam hebt der ältere Herr die Räder seines Rollators über die beiden dicken Stromkabel, die zwischen den Marktständen verlaufen. Das Anheben der Gehhilfe fällt ihm sichtlich schwer. Wenige Meter weiter bremst ihn erneut ein Kabel aus: Die kleinen Räder des Rollators stoppen abrupt, drehen sich zur Seite – einfach so über das Kabel rollen sie nicht. Wieder muss der ältere Herr den Rollator anheben. Diese Situation vom Freitagvormittag auf dem Alten Markt ist sinnbildlich für das, was Menschen mit Rollatoren an jedem Wochenmarkttag erleben.

Von „unzumutbar“ und „Stolperfallen“ spricht eine Dame, die sich an unsere Redaktion gewandt hat. Sie ist auf einen Rollator angewiesen und beschreibt, wie sie an den Markttagen die herum liegenden Stromkabel regelrecht „überspringen“ müsse. „Wie viel einfacher wäre es, für Abdeckungen der Kabel zu sorgen“, meint sie.

Lösungen sind schwierig
Ganz so einfach ist das jedoch nicht, sagt Michael Nicolaiciuc vom Stadtmarketing Unna, das den Wochenmarkt organisiert. „Auch Abdeckmatten können sich als Stolperfallen erweisen“, sagt er und erzählt, dass genau dies bereits im Bereich des Eselsbrunnens vor einiger Zeit schon mal ausprobiert worden sei. „In diesem Bereich verlaufen besonders viele dicke Kabel, weil wir dort eine Strom-Anschluss-Station haben. Wir haben schon oft Hinweise bekommen, dass die Kabel für Menschen mit Rollatoren schwer zu passieren sind, deswegen haben wir versucht, mit Matten über den Kabeln die Stolpergefahr zu minimieren.“

Doch das Gegenteil war der Fall: „Die Matten fanden viele Menschen noch schlimmer als die Kabel. Wir haben darüber mehr Beschwerden als vorher bekommen“, berichtet Nicolaiciuc. Also kamen die Matten wieder weg.

Nicolaiciuc weiß, dass die Situation auf dem Wochenmarkt für Menschen, die auf einen Rollator angewiesen sind, nicht ideal ist. „Wir sind regelmäßig vor Ort und schauen, ob die Kabel so gelegt sind, dass sie die geringstmögliche Stolpergefahr darstellen“, versichert er.

Tatsächlich verantwortlich für die ordnungsgemäße Verlegung der Kabel sind die Händler. „Rechtlich bedeutet das, dass die Kabel gerade liegen müssen“, erklärt Nicolaiciuc. Als hilfreich dabei erweist sich ironischerweise das viel gescholtene Pflaster auf dem Alten Markt: „In die breiten Fugen zwischen den Steinen können die Stromkabel so gelegt werden, dass sie nicht mehr hochstehen“, sagt Nicolaiciuc. Allerdings funktioniert dies nur dort, wo die Fugen entsprechend der Richtung der Kabel verlaufen.

Händler sind in der Pflicht
Einige Händler haben Matten über „ihr“ Stromkabel gelegt. „Das liegt im Ermessen des Händlers. Er kann entscheiden, ob er eine Abdeckung über sein Kabel liegt. Er trägt aber natürlich auch die Verantwortung dafür, wenn jemand über die Matte stolpert“, so Nicolaiciuc. Die „Rampen“, die Stadtbesucher von den Großveranstaltungen kennen und die die Kabelstränge für die Stromversorgung abdecken, sind für den Wochenmarkt keine Lösung. „Die Rampen sind ein bis zwei Meter lang. Die können wir in der Enge zwischen den Marktständen gar nicht aufbauen“, sagt Nicolaiciuc.

Christian Baran, Vorsitzender des Behindertenbeirates, kann die schwierige Situation nachvollziehen, in der sich ältere Menschen mit Rollator befinden, wenn sie den Wochenmarkt überqueren. „Ich persönlich habe zwar dort noch kein Kabel erlebt, über das ich mit dem Rollstuhl nicht drüber gekommen wäre, aber mit einem Rollator ist das auch anders, vor allem wenn die Menschen älter sind.“ Der Wochenmarkt sei platztechnisch kompliziert, sagt auch Baran. „Jedes Kabel, jede Kante ist schwierig, wenn ich auf einen Rollstuhl oder Rollator angewiesen bin. Es braucht viele unterschiedliche Lösungen.“

Kommentar der Redaktion

Mehr als „nur“ ein Markt

Von Anna Gemünd

Der Plausch mit dem Obsthändler des Vertrauens über die Erdbeer-Ernte, der Schnack mit dem Waffelbäcker oder das Gespräch mit der Nachbarin, die man am Fisch-Stand trifft – Unnas Wochenmarkt ist weit mehr als „nur“ ein reichhaltiges Lebensmittelangebot. Für viele Menschen ist der Gang über den Markt vor allem Teil ihres Soziallebens.

Man trifft sich, man erfährt das Neueste und man verabredet sich – während man nebenbei die Einkäufe erledigt. Gerade für ältere Menschen ist diese Möglichkeit zum „Unter Menschen kommen“ wichtig. Doch wer Angst haben muss, alle paar Meter zu stolpern, der überlegt sich dreimal, ob er den Weg über den Wochenmarkt geht – und gibt so einen wichtigen Teil der Teilhabe am sozialen Leben auf.

Vielleicht müssen genau das die Händler noch verinnerlichen: Sie sind nicht nur Anbieter von Waren, in ihrer Gesamtheit bilden sie zweimal in der Woche auch einen wichtigen sozialen Anlaufpunkt – und das vor allem für ältere Bürger, die einen Großteil der Wochenmarkt-Kundschaft ausmachen. Diese Kunden durch achtlos verlegte Stromkabel zu vergraulen, kann nicht im Interesse der Händler sein.

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